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08. Mai 2018

"Es ist Zeit, das ganze (Landwirtschafts-)System in Frage zu stellen"

8. Mai 2018
Referent: Dipl. Ing. agr. Hubertus Paetow, Präsident der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG)


„Es ist Zeit, das System als Ganzes in Frage zu stellen“, sagte der ehemalige Präsident der ehrenwerten Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG), Carl-Albrecht Bartmer, in seinem Interview in DIE ZEIT vom 23.02.2017. Bartmer sei „einer der einflussreichsten Bauern Deutschlands“, so die ZEIT; mit „das ganze System“ meinte er die hiesige industrielle Landwirtschaft.

Grund genug für Die Umwelt-Akademie e.V., nachzufragen, ob wir da wohl etwas falsch verstanden hätten…

Nein, haben wir nicht: Die Fachgesellschaft der Landwirtschaft, die DLG also, will – im Gegensatz etwa zum Bauernverband als Berufsverband –„die Wende auf dem Acker“. Aber nicht die Wende zurück!

Mit Selbstbewusstsein sagt die DLG, „wir Landwirte haben Fehler gemacht“. Es werde nur noch eine geringe Zahl von Feldfrüchten – Weizen, Mais, Raps, Zuckerrüben – angebaut; das führe mit zunehmendem chemischem Pflanzenschutz zur Gefahr von Resistenzen, die die Anbausysteme instabiler machen. Die Kunst der Vielfalt sei vernachlässigt worden. Und das zunehmende Versagen der Chemie bereitet Sorgen: „Stellen Sie sich vor, Sie sind Patient, und es gibt keine wirkungsvollen Medikamente mehr!“.

Gebraucht würden zukünftig kombinierte Lösungen aus Züchtung und Pflanzenschutz, die passgenau auf den jeweiligen Standort zugeschnitten sind. Aber nicht wie in den guten alten Zeiten von Monsanto & Co; sondern Nutzung des gesamten landwirtschaftlichen Könnens und der Vielfalt aller ackerbaulicher Werkzeuge – wie den Pflug oder den Striegel zur Unkrauteindämmung –, das Zusammenwirken von Mechanik und biotechnologischen Pflanzenschutzmitteln aus Pilzen und Bakterien.

Auch offene und transparente biotechnologische Züchtung von nachhaltigen und seltenen Pflanzensorten – z.B. von proteinhaltigen Erbsen zur Futtermittelherstellung – mittels CRISPR sei erforderlich, um Kultursorten widerstandsfähiger gegen Krankheiten zu machen. CRISPR (Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats) sind Abschnitte sich wiederholender DNA im Erbgut von vielen Bakterien und Archaeen (Urbakterien); sie unterstützen einen Mechanismus, der Resistenzen gegen das Eindringen von fremdem Erbgut durch Viren oder Plasmide ermöglicht, und sind hierdurch ein Teil des Immunsystem-Äquivalents von vielen Bakterien. Dieses System bildet die Grundlage der gentechnischen CRISPR/Cas-Methode zur Erzeugung von gentechnisch veränderten Organismen. Wissenschaftler sehen darin Chancen auch für den Ökolandbau. Ganz gegen die Interessen der Agrarkonzerne, die sich auf wenige, ökonomisch aussichtsreiche Pflanzen konzentrieren, könne CRISPR auch von kleinen und mittleren Züchtern gemanagt werden.

Schließlich solle die Landwirtschaft unabhängiger werden vom Geschäftsgebaren des Handels; nicht warten, bis er noch massiver Einfluss auf Produktqualität und Produktionsbedingungen nehme und – via Preis – die Schraube weiter zuungunsten Umwelt und Tierschutz drehe. Aber auch unabhängiger werden vom bisherigen Agrarsystem der EU-Subventionen; Beihilfen sollten künftig schrittweise konsequent gekoppelt werden an zusätzliche Leistungen der Landwirte für die Umwelt, im Sinne von gesellschaftlichen Leistungen, die der Markt sonst nicht entlohnt. An Hanglagen etwa oder für andere wichtige Kulturlandschaften; auch für (Dorf-) Projekte zur Stützung ländlicher Räume, um sie vor der sozialen Auszehrung zu bewahren.

Genügend Thesen für die erforderlichen kontroversen Debatten mit und um die Landwirtschaft der Zukunft!

Hier finden Sie die Präsentation von Dipl. Ing. agr. Hubertus Paetow, Präsident der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft



Dipl. Ing. agr. Hubertus Paetow, Präsident

der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft

(DLG); Foto: dlg.org



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