Diskussionsforum aus der Veranstaltungsreihe „Mutbürger für Energiewende!“
gefördert durch IKEA-Stiftung, Deutsche Bundesstiftung Umwelt, Selbach-Umwelt-Stiftung, Manfred-Wierichs-Stiftung
in Kooperation mit und Unterstützung durch Landeshauptstadt München, Referat für Gesundheit und Umwelt

Donnerstag, 14. Juni 2012, Stadtmuseum, Sitzungssaal

Die Stadt München  will Energiestadt mit Weltruf werden und hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesteckt. Bis 2025 soll der gesamte Strombedarf der bayerischen Landeshauptstadt  -  rund 7,5 Milliarden Kilowattstunden  -  aus erneuerbaren Energien gedeckt sein. Die Umweltakademie wollte sich Münchens  Ausbauoffensive Erneuerbare Energien genauer ansehen.

Referenten:

  • Joachim Lorenz, Referent für Gesundheit und Umwelt (RGU) der Landeshauptstadt München
  • Dr. Kurt Mühlhäuser, Vorsitzender der Geschäftsführung der Stadtwerke München GmbH (SWM)
  • Dr. Helmut Paschlau, Vorstand „Die Umwelt-Akademie e.V."

Eingangs betonte Joachim Lorenz in aller Kürze drei Punkte: Zum einen, dass er die Veranstaltungsreihe „Mutbürger für Energiewende!“ nachdrücklich unterstütze, weil sie für eine Stadtgesellschaft wie München schlicht notwendig sei; mit seiner Unterstützung werde die Serie als Ergänzung zu den städtischen Aktivitäten zum Klimaschutzprogramm auch 2013 fortgesetzt.

Zum zweiten benannte er nochmals die bekannten städtischen Ziele insbesondere zum Klimaschutz. Er machte dabei u.a. deutlich, dass die Landeshauptstadt im Gegensatz zu sehr vielen Städten und Kreisen in Deutschland überhaupt noch ein „Instrument“ für Klimaschutz und Energiepolitik hätten, ihre eigenen Stadtwerke, ihr eigenes Unternehmen. Andere Kommunen, die in der Liberalisierungswelle ihre Werke verkauft hätten, versuchten jetzt mühsam und meist überteuert, diesen falschen Schritt rückgängig zu machen.

Drittens hob Lorenz die hohe Bedeutung der Fernwärme in München hervor, aus Kraft-Wärme-Kopplung hergestellt; optimal wirtschaftlich, durch die Nutzung auch der Abwärme im hohen Maße energiesparend. Und er betonte, dass in FW-Vorranggebieten, auch in neuern, alternative Energiequellen unerwünscht sein, also auch Gas oder Photovoltaik.

Nach dem Grußwort skizzierte Dr. Kurt Mühlhäuser in einem Vortrag  Stand, Entwicklung und Ausblick der Münchner Energiepolitik. Das Ziel von Stadt und Stadtwerke, bis 2025 so viel Ökostrom in eigenen Anlagen produzieren zu können, um damit den gesamten Münchner Strombedarf decken zu können, hielt Mühlhäuser für erreichbar und die SWM ganz gut unterwegs auf dem Weg dahin. Dabei setzen die Stadtwerke auf ein breites Spektrum natürlicher Ressourcen und investieren in München und der Region vor allem in Wasserkraft, Photovoltaik, Geothermie und Biomasse bzw. Biogas und Biokraftstoff. Die SWM speisen ihren Ökostrom in das europäische Strom-Verbundnetz ein, also in einen „Stromsee“.  Ganz gleich wo der Ökostrom erzeugt wird, so die Überzeugung von Mühlhäuser, der Umwelteffekt kommt auch der Stadt München zu gute.

Vortrag Dr. Mühlhäuser: Klicken Sie hier

Im Anschluss stellte sich Dr. Mühlhäuser unter Moderation von Michael Lörcher, Vorstandsvorsitzender Die Umwelt-Akademie e.V., den kritischen Fragen von Dr. Helmut Paschlau, Vorstandsmitglied Die Umwelt Akademie e.V. . Denn diesmal gab es keine zwei Vorträge, wie sonst oft, sondern vor der allgemeinen Publikumsdiskussion ein „freundliches Streitgespräch“ zweier ehemaliger Berufskollegen:

Paschlau:  Herr Dr. Mühlhäuser, ich habe während unserer Veranstaltungsreihe „Mutbürger für Energiewende!“  Fragen des Publikums gesammelt.  Viele Münchner begrüßen die Ausbauoffensive Erneuerbare Energien, bemängeln aber,  dass die Erzeugung überwiegend weit weg von München erfolgen soll. Sind die SWM noch „unsere“  Stadtwerke oder schon ein Hedgefonds mit Energie-Fassade?

Mühlhäuser: Wir würden gerne die Erzeugung zu hundert Prozent hier in der Region machen, wenn das Potential dafür da wäre.  Klar, die Alternative wäre, wir machen nur was hier geht und den Rest lassen wir sein.  Aber wir haben auch eine Vorbildfunktion. Wenn wir es nicht machen, wer macht es dann? Da muss man dann aber auch sehen, dass wir außer der Energieversorgung noch ein paar andere Aufgaben erledigen, die für diese Stadt eine riesige Bedeutung haben und die eine hohe Investitionskraft erfordert. Beispiele dafür sind  der öffentliche Verkehr und bei der Telekommunikation die Glasfaserverlegung.  

Paschlau: Aber ist es noch ökologisch vertretbar, unseren Strom „off-MUC“, also in Kroatien, Finnland oder Spanien zu erzeugen und über tausende km hierher zu transportieren? Ist dieser „CO2-foot-print“ nicht größer als die CO2-Reduktion erneuerbarer Erzeugung hier?

Mühlhäuser: Energiewirtschaftlich und physikalisch findet kein Transport hierher statt, sondern das  wird ins europäische Stromnetz eingespeist.

Paschlau:  Damit ist der Strom aus meiner Steckdose nach wie vor zu einem gewissen Anteil auch fossil und atomar?

Mühlhäuser:  Wenn wir von hier in den europäischen Stromsee nur regenerative Energie einspeisen, wird der See immer sauberer.  Das ist unser Beitrag und wenn viele diesen Beitrag leisten, dann ist dieser See am Ende zu hundert Prozent sauber. Wir gehen als Beispiel voran.

Paschlau:  Von vielen Bürgern wird ein Schwerpunkt „örtliche und regionale Energieerzeugung“ vermisst. Der würde die Stromerzeugung, die Wertschöpfung, die Arbeitsplätze, natürlich auch die Lasten  in der Region belassen.  Es würden gewaltige Strom-Speicher und tausende km Überlandleitungs-Trassen entfallen oder verringert werden können.

Mühlhäuser: Ich hatte erwartet, dass wir die Geothermie-Anlage Sauerlach und viele andere Projekte über die Geothermie machen. Nur nach all den Erfahrungen wissen wir jetzt, dass das Risiko zu hoch und es auch relativ teuer ist, was wir ja auch immer verantworten müssen.  Ich würde gerne alles in der Region machen, wenn es die Möglichkeiten gäbe.

Paschlau:  Vor einigen Jahren haben Sie „Partnerschaften“ mit umliegenden Landkreisen oder Bürger-Energiegenossenschaften angeboten? Viele dort fürchten Ihre Dominanz oder kritisieren in Ihren Weit-Weg-Projekten ein vernehmbares Desinteresse an regionaler Zusammenarbeit.

Mühlhäuser:  Wir haben ernsthaftes Interesse. Letztlich wird aber die Wirtschaftlichkeit über viele Projekte entscheiden. Wir haben in Südbayern nicht die guten Windverhältnisse. Da muss man Vergabe- und Größendegressionen ausschöpfen. Wir wollen nicht mit kleineren Unternehmen wie Kommanditgesellschaften, die notfalls nicht immer Geld dazu schießen können, sondern mit Kommunen zusammenarbeiten. Die können Bürger beteiligen und Lösungen anbieten, weil sie näher dran sind.  Das ist das richtige Modell. Für uns sind die Kommunen die Ansprechpartner und ich sage  auch im Übrigen, dass das die beste Bürgerbeteiligung ist.

Paschlau: Bei Hausbesitzern und Handwerks-Verbänden äußert man öfter den Verdacht, örtliche Dritteinspeiser würden seitens der SWM behindert; so als sei der Strom „von anderen“ im Netz der Stadtwerke nicht erwünscht.

Mühlhäuser: Also da gibt es ganz klare Regeln und mittlerweile auch eine ausreichende Rechtsprechung. Wir haben ja einen Netzbetreiber, bei dem wir  als Geschäftsführung gar nicht in das laufende Geschäft eingreifen dürfen. Da kann es mal Abwicklungsprobleme geben, aber niemand verhindert das willentlich.

Paschlau:  Darf ich zu dem Thema Zukunftstechnologie kommen? Von den SWM als öffentliches Unternehmen werden mehr Beiträge zur Energiewende erwartet, die zukunftsorientiert, aber evtl. noch nicht marktreif sind. Bei „zu viel“ Sonne und Strom kann man recht einfach Methan erzeugen, dieses ins Erdgasnetz einspeisen und dort auch speichern. Was ist mit PV- und Wind-Gas-Projekten bei den SWM?

Mühlhäuser: Die Kosten dafür sind noch extrem hoch. Wir sind etwas zurückhaltend bei dem Thema Forschung, da es weder unsere Aufgabe noch unsere Kernkompetenz ist.  Da gibt es Forschungsinstitute, die das machen und in die man meines Erachtens noch viel mehr Geld reinstecken sollte.  Wir machen Pilotprojekte, wenn sich solche anbieten, das haben wir schon mal bei Wasserstoffeinspeisung gemacht. Aber im Moment ist diese Technologie Wind-Gas noch ganz weit von der Marktreife entfernt und zu teuer, da bewegt man sich bei 50 Cent bis zu 1 Euro pro Kilowattstunde.

Paschlau: Anfang nächsten Jahres werden wir eine Veranstaltung zu dieser Technologie machen und wir kommen auf eine Berechnung von derzeit 21 Cent. Doch ein anderer Fragenkomplex zum Thema Energie-Sparen. Die europäische Effizienz-Richtlinie besagt, dass europaweit bis in acht Jahren ein Fünftel an Strom eingespart werden soll. Alle europäischen Länder sind sich einig, ausgerechnet der deutsche Bundeswirtschaftsminister blockiert seit einem Jahr die Zustimmung weil die Energieversorger jährlich eine Einsparquote von 1,5% ihres Vorjahresabsatzes erfüllen sollen. Wie wollen Sie die europ. Energiespar-Vorgaben minus 1,5% pro Jahr umsetzen?

Mühlhäuser: Wären wir die Stadtwerke Jena,  wo die Bevölkerung abnimmt, dann würden wir das durch die abnehmende Bevölkerung erreichen. Das ist einfach Quatsch, den Vertrieb aufzugeben. Stellen wir dann allen Kunden am 30. November den Strom ab, weil wir das Einsparziel anders nicht erreichen? Der Ansatz über die Vertriebe ist falsch.

Paschlau: Aber es gibt eine Vielzahl anderer Energie-Spar-Möglichkeiten, z.B. Werbung in der U-Bahn. Und auf meiner Stromrechnung finde ich den aktuellen Stromverbrauch und den vom Vorjahr, aber da weiß ich nicht, ob ich hoch oder niedrig liege.  Wo sind die Informationen auf der Rechnung, wo und wie ich Strom sparen kann?

Mühlhäuser:  Der Energieversorger darf die Rechnung nicht überfrachten. Was wir da heute schon alles auflisten, führt dazu, dass sie mancher gar nicht mehr versteht. Wir haben ja versucht, erzieherische Maßnahmen bei dem Thema Verbrauch auszuprobieren. Wir haben eine Projekt-Beratung,  aber diejenigen, die es am nötigsten hätten, Energie zu sparen, können sich oft keine neuen Geräte kaufen. Es läuft  ein Projekt mit den Wohlfahrtsverbänden und wir würden da auch aufstocken, wenn es einen höheren Bedarf gäbe.  Wir haben 70 000 sozial Schwache in München, nur 8000 sind bislang beraten worden. Da könnte man also mehr tun, wenn deren Bereitschaft da wäre. Zudem klären wir über Broschüren und virtuelle Beratung im Internet auf.  Aber man darf es nicht überschätzen. Nicht für alle ist Energiesparen ein bedeutendes Thema. Im Arabella Park haben wir z.B. kostenlos  intelligente Zähler installiert. Zwanzig haben mitgemacht und all diese Daten bekommen, wie Durchschnitts- oder Tagesverbrauch.  Die Teilnehmer haben übrigens dann trotzdem abends Fernsehen geschaut. Hinterher wurden alle befragt, ob sie  für solch intelligente Zähler auch bezahlen würden, was alle mit „Nein“ beantworteten.  Man sollte eher an die Verbrauchsgeräte schärfere Bestimmungen anlegen. Das AA (das europäische Zeichen für die Güte des Stromverbrauchs, A.d.V.) bekommen viel zu viele Geräte.

Paschlau:  Ich möchte noch mal nachhaken. Wo sind die Tarife, die mich entlohnen, wenn ich Energie spare.  Solche Tarif Angebote gibt es in Kalifornien, in der Schweiz, das gibt es in Italien. 

Mühlhäuser:  Ich kann mir Modelle vorstellen, aber nicht so wie wir es heute hier haben. Ich rede mal über einen Kühlschrank der noch 100 Kilowattstunden im Jahr verbraucht. Wenn sich in den Stadtwerken damit ein Mitarbeiter befasst, sind  allein die Personalkosten höher als jegliche Einsparung.

Paschlau: Das Engagement der Stadtwerke bei den erneuerbaren Energien ist „stark  engagiert“, urteilt die Stiftung Warentest und vergibt die Note 1. Warentest stellt aber auch fest: Nur wenn erneuerbarer den konventionellen Strom verdrängt, hat die EE einen echten Öko-Nutzen. Verdrängt der heutige M-Ökostrom tatsächlich konventionellen Strom? Ist es nicht tatsächlich so, dass die längst bestehenden Wasserkraftwerke den Ökotarif bilden, die keineswegs fossile oder atomare Quellen verdrängen und verdrängt haben?

Mühlhäuser: Wir haben ein Problem. Alles was wir heute neu erzeugen, wird eingespeist, vom Netz vergütet und steht dem Vertrieb nicht zur Verfügung. Das ist ein Geburtsfehler, ist aber so, d.h. wir können nur Nicht-EEG-Strom letztlich als Ökostrom direkt vermarkten. Beim anderen, dem Strom, der über das Erneuerbare-Energien-Gesetz gestützt wird, wird der an den jeweiligen Netzbetreiber geliefert und der vermarktet den. Aber natürlich verdrängt dieser neu erzeugte Strom anderen Strom.  Der konventionelle Strom, da gebe ich Ihnen recht,  verdrängt nicht, weil er schon immer da war.  Aber das ist ein Dilemma für jeden, der solch ein Produkt anbietet. Wir meinen, entscheidend ist, dass wir neue Anlagen bauen, die konventionellen Strom verdrängt.

Paschlau:  Bei der Fernwärme seid ihr europaweit top, u.a. mit dem Ziel,  bis 2040 ist 100% erneuerbare Wärme  aus Geothermie zu erzeugen, diesmal an 16 Standorten in und um München. Wovor haben Sie mehr Angst, Herr Mühlhäuser?  Vor den erheblichen technischen Risiken des Tiefbohrens bis 4000m bei 80-100 Grad, Stichwort Lehrgeld Sauerlach, oder vor den Bürgerprotesten und -initiativen vor Ort, die sich gegen Beben und Lärm schützen wollen? 

Mühlhäuser: Davor haben wir keine Angst, wir machen ja weiter bei Geothermie und wir stehen auch dazu, dass das eine vernünftige Konzeption ist, die man vernünftig erläutern muss.

Paschlau: Broschüren reichen da aber nicht. 

Mühlhäuser:  Es macht keinen Sinn bei einem Standort bereits heute Bürgerüberzeugungsarbeit zu leisten, den man erst 2035 macht.  Wenn wir mit Untersuchungen beginnen,  müssen  wir darüber informieren.  Aber erst wenn die Entscheidung gefallen ist, dass der Standort auch wirklich ein Standort ist, kann man mit der Überzeugungsarbeit beginnen. Dann muss man auch die Konzeption erläutern, man muss den Menschen erklären, dass München die erste deutsche Großstadt sein wird, die diese Chance hat, 100% regenerative Fernwärme zu setzen. Wir brauchen dann schon auch die Akzeptanz in München. Wobei auch klar ist, dass die unmittelbar betroffene Nachbarschaft nie begeistert sein wird.Paschlau: Vielleicht wollen Sie Die Umwelt-Akademie  ja auch demnächst als Informationsplattform nutzen. Als neutral gelten wir ja und wir übernehmen dann gerne die Mediation. Herzlichen Dank für das Gespräch Herr Dr. Mühlhäuser.

Im Anschluss an den regen Diskurs auf dem Podium beteiligte sich ein engagiertes Publikum mit vielen Fragen rund um die Energieversorgung Münchens. Es drehte sich um vergleichbare Themen, Energiesparen, den „Stromsee“, das regionale Engagement, die Windpotenziale in Oberbayern (die die SWM mittels einer regionalen Tochtergesellschaft heben will), die Schwierigkeiten bei der Photovoltaik in einer Großstadt, Abrechnungsprobleme mit Dritteinspeisern etc. Ganz zuletzt gab es noch die Anregung, wo und wie man doch bitte genau entlang der A99 West ein Solarfeld aufstellen könnte. Herr Dr. Mühlhäuser versprach, sich das genauer anzuschauen.  

Das „freundschaftliche Streitgespräch“ wurde mitgeschnitten und von Birgit Künzl, freie Journalistin, ausgewertet und zusammengestellt.

 

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