Vortrag aus der Veranstaltungsreihe „Mutbürger für Energiewende!“
gefördert durch IKEA-Stiftung, Selbach-Umwelt-Stiftung, Manfred-Wierichs-Stiftung
in Kooperation mit Landeshauptstadt München, Referat für Gesundheit und Umwelt

Donnerstag,  2.02.2012, 19:00 Uhr, Schweisfurth-Stiftung, Südliches Schloßrondell 1,  80638 München

Referenten:

  • Dr. Heinrich Gartmair, TenneT TSO GmbH, Senior Manager Asset Management
    „Infrastruktur für die Energiewende: Netze“
  • Dr. Peter Ahmels, Deutsche Umwelthilfe e.V. (DUH),  Leiter Erneuerbare Energien
    „Wie viel Höchstspannungsleitungen benötigt die Energiewende? Gibt es Alternativen?“


Ist ein totaler Stromausfall denkbar? Nichts geht mehr von Nordsee bis Südbayern? Zuviel Wind-Strom vom Norden, der die hohe Nachfrage im Süden mangels Übertragungskapazität nicht erfüllen könnte; nur durch Zuschaltung österreichischer Kaltstart-Reservekraftwerke wurde ein Zusammenbruch der Stromversorgung verhindert. Dank TenneT, wie DIE WELT in ihrer Ausgabe vom 05.01.2012 schreibt. Binnen eines Jahres habe sich die Zahl der Noteingriffe ins Stromnetz verdreifacht, die Lage sei „noch beherrschbar“, die Stromversorgung „Glücksache?“.“
So eröffnete Dr. Helmut Paschlau, Vorstandsmitglied der Umwelt-Akademie e.V., am 02.02.2012 den Diskussionsabend zu „Mutbürger für Energiewende!“ zum Thema „Die Infrastruktur zur Energiewende: Übertragungsnetze“ - ein emotionsbeladenes Thema, wie sich herausstellte.

Eröffnungsrede Helmut Paschlau: Klicken Sie hier

Zunächst referierte Dr. Heinrich Gartmair, TenneT TSO GmbH, Senior Manager Asset Management, über „Infrastruktur für die Energiewende: Übertragungsnetze“. Die Tennet TSO GmbH ist Tochtergesellschaft des holländischen Staatskonzerns TenneT N.V. (also dem niederländischen Finanzministerium unterstehend) und betreibt in Deutschland das größte Überlandleitungs-Stromnetz, das ehemals von e.on betrieben wurde. Vor einigen Jahren haben bekanntlich die vier großen EVUs in Deutschland ihre Transportnetze verkauft; TenneT  ist also kein Energieversorgungsunternehmen, sondern ein Höchstspannungs-Netzbetreiber  ohne jeglichen Einfluss auf Stromangebot und -nachfrage. Und TenneT TSO ist genau die Firma, die den Stromausfall durch Netzzusammenbruch am 08.12.11 verhindert hat.

Es war die Aufgabe von Dr. Gartmair zu erklären, warum wir in Deutschland im Rahmen der Energiewende dringlich Zubau von Strom-Übertragungsnetzen brauchen. Es sind die verschiedenen Spannungsebenen zu unterscheiden: Im Höchstspannungsnetz (380kV) wird Strom über weite Entfernungen – eben vom offshore-Wind der Nordsee ins südliche Bayern – transportiert; die Verteilung in dezentralisierten Bereichen – Photovoltaik und Wind etwa innerhalb Bayerns – erfolgt in Verteilnetzen niedrigerer Spannung (<110kV). Zu jedem Zeitpunkt müssen Stromangebot und Stromnachfrage in Übereinstimmung sein, sonst kommt es zum Netzausfall. Denkbar ist z.B. ein kalter Tag ohne Sonne, im Süden herrscht eine hohe Stromnachfrage und es weht ein starker Wind im Norden; wie kann man das ausgleichen, wenn wir auf Erneuerbare Energien setzen wollen, die überwiegend nicht grundlastfähig, sondern von Wind und Sonne abhängig sind?

Wenn nun als Ersatz für zentralisierte Atomkraftwerke im Norden große Leistungskapazitäten errichtet werden, dann muss der Strom abgeleitet werden; und es ist nicht so, dass da jemand einfach eine „Weiche“ umlegt: Der Strom sucht sich physikalisch seinen eigenen Weg. Nach Norden, Osten oder Westen ist der aber zunehmend versperrt (von den Nachbarländern aus Sorge  vor Netzüberlastung). Mangels geeigneter Übertragungsnetze also auch nach Süden; Stromverteilung ist ein europäisches Thema, kein regionales! Deshalb bedarf es des Zubaus neuer Übertragungsnetze, so Gartmair. In Deutschland soll es in Zukunft drei große Stränge geben: Von Hamburg nach Südbayern, vom Ruhrgebiet nach Stuttgart und von Dresden nach Frankfurt.

Präsentation Dr. Gartmair: Klicken Sie hier

Dr. Peter Ahmels, Deutsche Umwelthilfe e.V. (DUH),  Leiter Erneuerbare Energien, fragte: „Wie viel Höchstspannungsleitungen benötigt die Energiewende? Gibt es Alternativen?“. Die DUH hat zusammen mit anderen Umweltverbänden gegen eine Studie der Deutschen Energieagentur (dena) Stellung genommen: „3.600 km zusätzliche Leitungen sind zu viel!“, befürwortet aber den moderaten Ausbau des Stromnetzes, um die Energiewende möglich zu machen.

Ahmels bestätigt: Der „Nationale Netzentwicklungsplan“ (NEP), also der Netzausbau, wird anders als früher nicht von den Netzbetreibern bestimmt, sondern von der Gesamtgesellschaft unter starker Beteiligung der Öffentlichkeit, namentlich der Umweltschutzverbände (die DUH ist da führend). Der erste Plan – auf Basis von Vorschlägen der Netzbetreiber und nach Stellungnahmen der Zivilgesellschaft und der zuständigen örtlichen Behörden – ist bis Juni 2012 vorgesehen und wird danach jährlich fortgeführt. Die Bundes-Netzagentur wird die Umweltverträglichkeitsprüfung begleiten, der Bundestag beschließt den „Bundesbedarfsplan (Strecken)“ letztlich, den er all drei Jahre überprüft.

Etwa 36.000km Höchstspannungsnetz gibt es in Deutschland; ob nun 10% oder weniger zugebaut werden müssen, ist also noch offen. Angesichts zu erwartender Lastfälle etwa im Mai 2020 und unter Annahme der Ausbauziele Erneuerbarer Energien der Bundesregierung und der Länder ist aber jetzt schon klar: Bio- und Wasserkraft-, onshore- und offshore-Wind- sowie Photovoltaik-Stromangebot überwiegend im Norden wird den Strombedarf im Norden übersteigen. Soll man abschalten oder ableiten? Die volkswirtschaftlich richtige Antwort wäre: Was in Deutschland – mit Steuer- und Strombeiträgen – erzeugt wird, sollte hier auch genutzt werden! Die Alternativen zum Netzausbau – Speicherung von Überschussstrom – sind technologisch noch nicht marktreif (Wasserstoff oder Windgas), werden nur einen kleinen Beitrag liefern können (E-Auto-Batterien) oder sind erheblich teurer als der Ferntransport (z.B. Pumpspeicherwerke); der Ausgleich von Bedarf und Angebot mittels smart grids wird keinesfalls einen Volumen-Anteil von 10% erreichen können.

Fazit: Der Ausbau verbrauchsnaher Energien, die Einführung intelligenter Netze, der Ausbau von Speichern, der Ausbau der Verteilungsnetze, die Praxiserprobung neuer Übertragungstechniken sind erforderlich, aber eben auch der Ausbau des 380kV-Übertragungsnetzes.

Präsentation Dr. Ahmels: Klicken Sie hier

Die ausführliche Diskussion der beiden – in weiten Teilen übereinstimmenden – Vorträge unter den 140 Anwesenden war teilweise emotional: Die Betroffenheit in Teilen der Bevölkerung ist groß. Deshalb muss die Erneuerung des z.T. seit über 100 Jahren bestehenden Strom-Verteilnetzes (inkl. der AKW-Stromverteilungs-Infrastruktur) Vorrang haben vor dem Neubau; und der Neubau muss dann so bevölkerungs- und naturschonend wie möglich geschehen. Dafür gibt es gute Beispiele, inkl. der Begrünung offener Trassen, der unterirdischen Verlegung oder der Beteiligung der Bevölkerung an den finanziellen Vorteilen von neuen Leitungen.

Besonders strittig war die These, dass ab 2020 die Vollversorgung mit Strom aus Erneuerbaren Energien in Bayern möglich sei – und deshalb auf Überlandleitungen aus Norddeutschland verzichtet werden könne. Rechnerisch mögen Windkraft und Photovoltaik in Verbindung mit Wasserkraft und Biomasse-Energie eine Vollversorgung ermöglichen, nicht aber in der Grundlast, wenn kein Wind weht und die Sonne nicht scheint; und: Wer für Dezentralisierung plädiert, übersieht, dass Strom physikalisch den Weg des geringsten Widerstands wählt und  Import und Export zwischen Bundesländern Deutschlands und Nationalstaaten Europas stets stattfindet, vorausgesetzt  die Übertragungsleitungen sind vorhanden.

Für Die Umwelt-Akademie e.V., Dr. Helmut Paschlau     

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